Lee-Zonen verstehen und nutzen
Lee ist der Windschatten hinter einem Hindernis. Für Gleitschirmpiloten bedeutet Lee vor allem eines: Turbulenzen, Abwinde und ein höheres Risiko bei Start, Landung und im Flug. Sichtflug berechnet Lee-Zonen für die gesamten Alpen und zeigt sie als eigene Kartenschicht.
Dieser Ratgeber erklärt, was Lee physikalisch bedeutet, wie die Berechnung funktioniert und wie du die Karte in deine Flugplanung einbaust.
Was ist Lee?
Wenn Wind auf ein Hindernis trifft (Berg, Grat, Hügelkette), wird er umgelenkt. Auf der windabgewandten Seite entsteht eine Zone mit reduzierten oder umgekehrten Winden, Verwirbelungen und Abwinden. Diese Zone heißt Lee (englisch: leeward, windabgewandte Seite).
Lee ist nicht nur schwacher Wind. In ausgeprägten Lee-Zonen entstehen Rotoren (walzenförmige Turbulenzen), starke Abwinde und abrupte Windwechsel. Für einen Gleitschirm mit seiner geringen Eigengeschwindigkeit kann das gefährlich sein.
Die Gegenseite heißt Luv (englisch: windward). In Luv trifft der Wind direkt auf den Hang. Das ist für Soaring-Piloten oft nutzbar, birgt aber bei starkem Wind eigene Risiken.
Lee-Zonen auf der Karte
In Sichtflug kannst du Lee-Zonen als eigene Kartenschicht aktivieren. Die violetten Flächen zeigen dir, wo das Gelände den Wind abschattet. Heller bedeutet schwächere Abschattung, dunkler bedeutet stärkere.
Die Lee-Karte ändert sich mit der Windrichtung: Dreht der Wind, verschieben sich die Lee-Zonen. Nutze den Zeitschieber, um zu sehen, wie sich die Zonen im Tagesverlauf verändern.
Wie wird Lee berechnet?
Sichtflug verwendet den Abschattungswinkel (Shelter Angle). Das Prinzip: Von jedem Punkt auf der Karte schaut die Berechnung in Windrichtung zurück zum nächsten Grat. Je steiler der Blickwinkel zum Grat, desto stärker ist die Abschattung.
Die Berechnung kombiniert zwei Datenquellen:
- Geländemodell (SRTM, 30 m Auflösung): Liefert die Geländehöhen in den Alpen. Für jeden Punkt werden Strahlen in Windrichtung geworfen (100 m bis 8 km Entfernung) und der maximale Höhenwinkel bestimmt.
- Windrichtung (DWD ICON-D2): Jede Gitterzelle bekommt ihre eigene Windrichtung aus dem DWD-Wettermodell. Dadurch erfasst die Berechnung lokale Windvariationen (Talwinde, Kanalisierung), nicht nur einen Alpendurchschnitt.
Das Ergebnis wird als Vektorkarte dargestellt, bei der die Lee-Polygone scharfe Konturen haben, unabhängig von der Zoomstufe.
Drei Intensitätsstufen
Die Lee-Darstellung unterscheidet drei Stufen, basierend auf dem Abschattungswinkel:
- Leicht (ab 8°): Spürbare Verwirbelungen möglich. Für erfahrene Piloten bei moderatem Wind oft noch fliegbar, aber erhöhte Aufmerksamkeit nötig.
- Mäßig (ab 15°): Erhebliche Turbulenzen wahrscheinlich. Rotoren und Abwinde sind zu erwarten. Für die meisten Gleitschirmpiloten eine No-Go-Zone.
- Stark (ab 22°): Ausgeprägte Rotoren und starke Abwinde. Gefährlich für alle Schirmklassen.
Die Schwellenwerte sind physikalisch abgeleitet, nicht willkürlich gewählt. Ein höherer Winkel bedeutet ein steileres, höheres Hindernis relativ zum Piloten, was intensivere Verwirbelungen erzeugt.
Lee und Thermik
Lee und Thermik sind zwei unabhängige Informationsschichten. Sichtflug zeigt sie bewusst getrennt:
- Die Thermikprognose beantwortet: Wie stark könnten die Aufwinde hier sein? (Atmosphärische Physik)
- Die Lee-Karte beantwortet: Wo schattet das Gelände den Wind ab? (Gelände + Wind)
Beide Schichten sind gleichzeitig aktivierbar. Du kombinierst sie in deiner Flugplanung: Thermik zeigt dir das Potenzial, Lee zeigt dir die Risikozonen. Ein Startplatz mit guter Thermikprognose, der aber mitten in einer starken Lee-Zone liegt, erfordert besondere Vorsicht.
Mehr zur Thermikprognose findest du im Thermik-Ratgeber.
Lee in der Praxis
Vor dem Flug:
- Aktiviere die Lee-Schicht auf der Karte und prüfe, ob dein Startplatz oder deine geplante Route in einer Lee-Zone liegt.
- Beachte die Windprognose im Höhenwind-Profil: Lee-Zonen verschieben sich mit drehender Windrichtung. Was morgens kein Lee ist, kann nachmittags Lee sein.
- Bei Hike-and-Fly-Touren ist die Lee-Prüfung besonders wichtig: Gipfelstarts liegen häufig im Lee eines nahen Grats, abhängig von der aktuellen Windrichtung.
Im Flug:
- Lee-Turbulenzen beginnen oft nicht direkt am Grat, sondern erst einige hundert Meter dahinter. Der Bereich kurz hinter dem Grat kann trügerisch ruhig sein.
- Die stärksten Verwirbelungen treten typischerweise auf Höhe des Gratlevels und darunter auf.
- Lee-Rotoren können weit unterhalb des Grats reichen, besonders in Tälern mit steilen Flanken.
Grenzen der Berechnung:
- Die Berechnung basiert auf dem Geländemodell (SRTM) und der prognostizierten Windrichtung. Lokale Effekte wie thermisch induzierte Talwinde oder Föhn-Kanalisierung kann sie nicht vollständig erfassen.
- Lee-Intensität hängt auch von der Windgeschwindigkeit ab. Die Karte zeigt, wo Lee-Effekte bei gegebener Windrichtung auftreten, nicht wie stark sie bei der aktuellen Windstärke sind.
Daten und Methodik
Geländemodell: NASA SRTM (Shuttle Radar Topography Mission)
Die Geländehöhen stammen aus der SRTM-Mission der NASA und des JPL (Jet Propulsion Laboratory), aufgenommen im Februar 2000 an Bord der Raumfähre Endeavour. Die Daten haben eine Auflösung von 1 Bogensekunde (ca. 30 m) und decken den gesamten Alpenraum ab. Sichtflug nutzt rund 597 Millionen SRTM-Höhenpunkte für die Lee-Berechnung.
Windfeld: DWD ICON-D2
Die Windrichtung kommt aus dem ICON-D2-Modell des Deutschen Wetterdienstes (DWD), dem hochaufgelösten regionalen Wettermodell für Mitteleuropa mit 2,2 km Gitterweite. Sichtflug interpoliert die u- und v-Windkomponenten bilinear auf das Lee-Gitter, sodass jede der 3,35 Millionen Zellen ihre eigene lokale Windrichtung erhält.
Berechnung in Zahlen
- Abdeckung: 537.000 km² (gesamter Alpenraum, 44°N bis 49,5°N, 5°E bis 16,5°E)
- Lee-Gitter: 1.530 x 2.192 Zellen bei 400 m Auflösung
- Ray-March pro Zelle: 14 Strahlen (100 m bis 8 km) in Windrichtung
- Geländeabfragen pro Zeitschritt: über 50 Millionen SRTM-Lookups
- Ergebnis: typischerweise 150.000 bis 250.000 Konturpolygone pro Zeitschritt
- Darstellung: Mapbox Vector Tiles (MVT), generiert mit tippecanoe, scharf auf jeder Zoomstufe
Quellen
- Farr, T. G. et al. (2007): The Shuttle Radar Topography Mission, Reviews of Geophysics, 45, RG2004
- Zängl, G. et al. (2015): The ICON modelling framework, Quarterly Journal of the Royal Meteorological Society, 141, 563-579
- DWD (2024): ICON-D2 Modellbeschreibung, Deutscher Wetterdienst
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Stand: April 2026
