Wie funktioniert die Thermikprognose?

Sichtflug berechnet eine Thermikprognose für jeden Startplatz im Alpenraum — basierend auf über 100 Millionen atmosphärischen Datenpunkten pro Tag, verteilt auf 67.500 Gitterzellen und rund 5.000 Startplätze. Die Prognose zeigt dir, wann Thermik auslöst, wie stark sie wird und bis wohin du steigen kannst. Dieser Ratgeber erklärt, was hinter den Zahlen steckt.

Überblick

Was zeigt die Thermikprognose?

Öffne ein Fluggebiet und tippe auf Thermikprognose. Du siehst drei Ebenen:

  • Zusammenfassung: Ein Rating (0–5 Kreise), die Bewertung (Schwach bis Hervorragend), das maximale Steigen, die Obergrenze und das Thermikfenster.
  • Diagramm: Ein Höhendiagramm mit farbcodierten Säulen pro Stunde. Die Farbe zeigt die Steigstärke, die Höhe der Säule die Obergrenze der Thermik.
  • Stundentabelle: Bodentemperatur, Auslöse, Steigen, Basis und Wolkenbasis für jede Stunde — auf einen Blick.

Alle Werte beziehen sich auf den gewählten Startplatz. Wechselst du den Startplatz, ändern sich Diagramm und Zusammenfassung sofort.

Bewertung

Was bedeutet das Rating?

Das Rating kombiniert drei Faktoren gewichtet:

  • Steigstärke (50 %): Das maximale Steigen am besten Tag, skaliert gegen 6,0 m/s als obere Referenz.
  • Obergrenze (30 %): Die Höhe über dem Startplatz, die erreichbar ist — skaliert gegen 2.500 m über Start.
  • Thermikfenster (20 %): Wie viele Stunden die Thermik aktiv ist — skaliert gegen 6 Stunden.

Daraus ergibt sich ein Wert von 0–5. Das Rating ist bewusst konservativ: ein voller 5/5-Tag braucht starkes Steigen, hohe Basis und ein langes Fenster gleichzeitig.

10001500200025003000Start 1200mThermik-ObergrenzeWolkenbasisThermikfenster07:0009:0011:0013:0015:0017:00
Vereinfachte Darstellung des Thermikdiagramms. Die farbige Kurve zeigt die Steighöhe, die gestrichelte blaue Linie die Wolkenbasis.
Diagramm

Was zeigt das Thermikdiagramm?

Jede Stunde hat eine farbige Säule. Die Höhe der Säule reicht vom Boden bis zur konvektiven Grenzschichthöhe (CBL Top) — das ist die Obergrenze, bis zu der Thermikblasen steigen können.

  • Farbe: Das maximale Steigen in m/s. Grün ist schwach, Gelb brauchbar, Orange stark.
  • Blaue Linie: Die Wolkenbasis (Kondensationsniveau). Liegt sie über der Thermik-Obergrenze, bleibt die Thermik trocken. Liegt sie darunter, bildet sich Cumulus-Bewölkung.
  • Gelbe Zone: Das Thermikfenster — die Stunden, in denen die Auslösetemperatur am Boden erreicht wird und Thermik aktiv ist.
  • Gestrichelte Linie: Die Höhe deines Startplatzes, damit du sofort siehst, ob die Thermik über Starthöhe reicht.

Tippe auf eine Stunde, um den Tooltip mit exakten Werten zu sehen. Auf dem Handy kannst du über das Diagramm wischen.

StundeBodenAuslöseSteigenBasisWolken
10:0014°13°0.61400m2800m
11:0017°13°1.21900m2600m
12:0020°13°2.12400m2700m
13:0022°13°2.82700m2900m
14:0023°13°3.22800m3000m
15:0021°13°2.42600m3100m
Die Stundentabelle zeigt Bodentemperatur, Auslöse, Steigwerte mit Farbbalken, Thermikbasis und Wolkenbasis.
Berechnungsmodell

Wie berechnet Sichtflug die Thermik?

Die Prognose basiert auf dem DWD ICON-D2 — dem hochauflösenden Wettermodell des Deutschen Wetterdienstes. Mit 2,2 km Gitterweite und geländefolgenden Modellniveaus bildet es alpine Topographie besser ab als konventionelle Modelle. Acht Modelläufe pro Tag sorgen dafür, dass die Prognose im Tagesverlauf immer aktueller wird.

Drei Quellen, ein Ergebnis

Sichtflug kombiniert drei unabhängige Verfahren zur Berechnung der Steigwerte. Jedes Verfahren hat Gelände, in dem es besonders stark ist:

  1. Parcel-Aufstieg (der „Wanderer"): Ein simuliertes Luftpaket steigt vom Boden auf, bis es kälter wird als die Umgebungsluft. Daraus ergeben sich Auslösetemperatur, Thermik-Obergrenze und Steigwerte. Stark auf sonnenbeschienenen Hängen, wo Strahlung und Hangaufwinde das Luftpaket direkt anheben.
  2. Modell-CAPE aus ICON-D2: Das DWD-Modell berechnet selbst, wieviel konvektive Energie in der Luftmasse steckt — unter Berücksichtigung von Bodenfeuchte, Turbulenz und Strahlungsbilanz. Stark bei energiereichen Wetterlagen und als unabhängige Plausibilitätsprüfung.
  3. Deardorff w* (konvektive Geschwindigkeit): Der Lehrbuch-Wert für trockene konvektive Grenzschicht. Berechnet aus dem Bodenwärmestrom (wieviel Wärme vom Boden nach oben geleitet wird) und der Grenzschichttiefe. Stark über Flachland und in Becken, wo die Erwärmung großflächig und gleichmäßig erfolgt.

Statt einfach das Maximum zu nehmen, gewichtet Sichtflug die drei Quellen nach Geländeklasse (siehe nächster Abschnitt). Das Flachland vertraut am meisten w*, ein Berghang dem Parcel-Aufstieg.

Unsicherheit: Wenn die drei Quellen deutlich voneinander abweichen (mehr als 30 %), markiert Sichtflug die Prognose als unsicher. Typisch bei Inversionen, Hochnebel oder diesigem Wetter — verlasse dich dann stärker auf lokale Thermik-Signale.

Wolkenbasis wird aus der Taupunktdifferenz berechnet — pro Grad Differenz liegt die Basis etwa 125 m über dem Boden.

Wolkenbasis9,8 °C/km(trocken)4–7 °C/km(feucht)UmgebungOberhalbKondensationUnterhalbKondensationHöheTemperatur
Unterhalb der Wolkenbasis kühlt das Luftpaket mit 9,8 °C/km ab (trocken). Darüber bremst Kondensationswärme die Abkühlung auf 4–7 °C/km (temperaturabhängig nach Bolton 1980).

Geländeklassen und Gewichtung

Die 2,2 km Gitterzellen werden anhand von SRTM-Höhendaten und ESA WorldCover in vier Thermik-Gelände klassifiziert. Jede Klasse hat ihre eigene Gewichtung der drei Quellen und eine maximale Thermik-Obergrenze, die der Praxis der Piloten entspricht:

  • Flachland (Po-Ebene, Pannonisches Tiefland, norddeutsche Tiefebene): Thermikobergrenze 3,5 m/s. Parcel-Walk versagt hier systematisch (das Modell glättet Gelände, die bodennahe Stabilität kann nicht durchstoßen werden). w* liefert das beste Signal. Flachlandthermik ist breit, schwach und spät startend — 2–3 m/s sind ein guter Tag, 3,5 m/s ein hervorragender.
  • Voralpen (Alpenvorland, Mittelgebirge): Thermikobergrenze 5 m/s. Übergangsgelände — Parcel-Walk und w* werden zu gleichen Teilen gewichtet.
  • Gebirge (Alpen, Apennin): Thermikobergrenze 6 m/s. Hier dominiert der Parcel-Walk, weil Solarstrahlung, Landnutzung und Hangaufwinde die Hauptfaktoren sind.
  • Hochplateau (hochalpine Plateaus, Almen oberhalb 1.200 m): Thermikobergrenze 6 m/s. Alle drei Quellen zu ähnlichen Teilen gewichtet.

Ausgeschlossen: Seen, Gletscher und Schneeflächen. Dort wird keine Thermik berechnet, egal was die atmosphärischen Werte sagen.

Was bedeutet das für Flachland-Vorhersagen?

Thermik im Flachland ist anders als in den Alpen:

  • Später Start: Die Sonne muss erst die Dunstschicht überwinden. Auslöse typisch erst gegen 11–12 Uhr, oft später.
  • Schwaches Steigen: Breite, weiche Bärte statt kompakter Schläuche. 2 m/s mittleres Steigen ist bereits ein sehr guter Tag.
  • Frühes Ende: Sobald die Sonne tiefer steht, bricht die Konvektion schnell zusammen.
  • Dunst und Feuchte: CAPE-Werte können hoch aussehen (das Modell sieht auch feuchte konvektive Energie), aber diese Energie steckt meist in der Feuchtkonvektion (Gewitter), nicht in trockenen Thermikschläuchen.

Wenn die Prognose über Flachland mehr als 4 m/s zeigt, ist das fast immer eine Überschätzung. Sichtflug kappt daher Flachlandwerte bei 3,5 m/s — ein bewusst konservativer Wert, der mit dem übereinstimmt, was Piloten dort tatsächlich fliegen.

Terrain-Korrekturen

Thermik entsteht nicht im freien Raum — das Gelände bestimmt, wo und wann die Luft aufgeheizt wird. Sichtflug integriert mehrere geländeabhängige Korrekturen, basierend auf Methoden aus der regionalen Thermikmodellierung (REGTHERM):

+2–3 °CSüdhang-1–2 °CNordhangHangaufwind
Hangausrichtung und Sonneneinstrahlung bestimmen die lokale Erwärmung. Südhänge heizen stärker auf und erzeugen anabatische Aufwinde.
  • Sonneneinstrahlung nach Hangausrichtung: Aus einem 30-m-Geländemodell (SRTM) werden Hangneigung und Exposition berechnet. Ein Südhang erhält am Vormittag deutlich mehr Strahlung als ein Nordhang — die Bodentemperatur wird entsprechend korrigiert. Wolkenbedeckung dämpft den Effekt.
  • Landnutzung: Unterschiedliche Oberflächen heizen verschieden schnell auf. Fels und Geröll speichern Wärme anders als Wald oder Wiese. Sichtflug nutzt die ESA WorldCover Klassifikation (10 m Auflösung, 7 Oberflächenklassen), um die lokale Erwärmungsrate pro Gitterzelle anzupassen.
  • Hangaufwinde (anabatisch): Sonnenbeschienene Hänge erzeugen lokale Aufwinde, die Thermik verstärken können — bis zu 1,5 m/s Bonus auf steilen, sonnigen Südflanken. Das Modell basiert auf Untersuchungen zu Hangwindströmungen in Gebirgstälern.
  • Lee-Effekte: Im Windschatten von Bergkämmen wird die Thermik gedämpft. Sichtflug erkennt Lee-Zonen anhand von Geländeprofil und Bodenwind und reduziert das erwartete Steigen entsprechend.

Alle Korrekturen wirken zusammen: An einem steilen, felsigen Südhang im Lee eines Kammes heben sich Strahlungsbonus und Lee-Dämpfung teilweise auf. Das Modell berechnet jede Gitterzelle einzeln — 67.500 Zellen im Alpenraum, stündlich, bei jedem der acht täglichen Modelläufe.

Karte

Thermik auf der Karte

Auf der Karte kannst du den Thermik-Layer aktivieren. Er zeigt eine farbcodierte Übersicht der erwarteten Steigwerte im gesamten Alpenraum — mit der gleichen Farbskala wie das Diagramm.

  • Heute und morgen: Das Panel zeigt standardmäßig den heutigen Tag. Mit dem Pfeil wechselst du zur Morgen-Prognose. Abends füllen sich die späten Morgen-Slots progressiv nach, sobald das DWD-Modell die langen Vorhersagestunden veröffentlicht.
  • Timeline: Am unteren Rand erscheint eine Zeitachse. Tippe auf eine Stunde, um die Prognose für diesen Zeitpunkt zu sehen. Der beste Moment ist mit einem Pokal markiert.
  • Historie: Am linken Rand der Zeitachse findest du die historischen Thermik-Daten (kk7.ch) — aggregierte Flugnachweise aus tausenden realen Flügen.
  • Live-Statistik: Die Leiste zeigt dir die Thermikwerte deines aktuellen Kartenausschnitts — wie viel Prozent der Fläche aktiv ist, das mittlere und maximale Steigen. Schwenke zum Stubaital und du siehst die Stubai-Zahlen. Schwenke nach Annecy und die Statistik passt sich an.

Die Kartenansicht eignet sich besonders gut, um Gebiete zu vergleichen und zu entscheiden, wohin sich die Fahrt lohnt.

Grenzen

Was bildet die Prognose nicht ab?

  • Windscherung: Starker Höhenwind zerreißt die Thermik — das effektive Steigen sinkt. Die Prognose zeigt das theoretische Maximum ohne Scherungseffekt. Prüfe daher immer das Höhenwind-Profil parallel zur Thermikprognose.
  • Lokale Konvergenz: Talwindsysteme, Seebrisen und thermische Konvergenzzonen erzeugen punktuelle Aufwinde, die über die Modellauflösung hinausgehen.
  • Modellgrenzen: ICON-D2 hat 2,2 km Auflösung. Sehr enge Täler und isolierte Gipfel werden geglättet. Die Bodentemperatur kann in engen Tälern um 2–3 °C abweichen.
Praxis

Wie nutze ich die Prognose am besten?

  • Rating prüfen: Unter 2/5 lohnt sich der Weg zum Startplatz selten, wenn Thermikfliegen das Ziel ist.
  • Thermikfenster planen: Das Fenster zeigt dir, wann du am Start sein solltest. 30 Minuten vor Fensterbeginn aufbauen ist ein guter Richtwert.
  • Obergrenze mit Höhenwind kombinieren: Nutze das Höhenwind-Profil, um zu prüfen, ob an der prognostizierten Obergrenze starker Wind herrscht. Starke Thermik bei starkem Höhenwind bedeutet turbulente Bedingungen.
  • Karte nutzen: Aktiviere den Thermik-Layer auf der Karte, um Gebiete visuell zu vergleichen. Die Zeitachse zeigt dir, wann und wo die stärkste Thermik erwartet wird.
  • Startplatz wechseln: Auf der Thermik-Seite kannst du zwischen Startplätzen wechseln. Vergleiche einen Gipfelstart (höhere Basis, früherer Auslöser) mit einem Talstart (späterer Auslöser, aber oft ruhigere Aufwinde).
  • Eigenverantwortung: Jede Prognose ist ein Modell, keine Garantie. Die Entscheidung, ob du fliegst, triffst immer du selbst — am besten mit Blick auf Wind, Wolken und Thermik zusammen. Der Flugentscheidungs-Ratgeber hilft dir dabei.
Quellen

Wissenschaftliche Grundlagen

  • DWD ICON-D2 — Numerisches Wettervorhersagemodell, 2,2 km Gitterweite, geländefolgende Modellniveaus, 8 Läufe/Tag
  • Bolton, D. (1980) — The Computation of Equivalent Potential Temperature. Monthly Weather Review, 108, 1046–1053. Grundlage der temperaturabhängigen feuchtadiabatischen Abkühlrate.
  • Whiteman, C. D. und J. C. Doran (1993) — The Relationship between Overlying Synoptic-Scale Flows and Winds within a Valley. J. Appl. Meteor., 32, 1669–1682. Basis des Hangaufwind-Modells.
  • SRTM (NASA/USGS) — Shuttle Radar Topography Mission, 30 m Auflösung. Grundlage für Hangneigung, Exposition und Lee-Erkennung.
  • ESA WorldCover 2021 — Globale Landbedeckungsklassifikation, 10 m Auflösung, Sentinel-1/2 basiert.
  • AMS Glossary: CAPE — Definition der konvektiv verfügbaren potentiellen Energie, Grundlage der Steigwert-Berechnung.
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Stand: April 2026