Wie funktioniert die Thermikprognose?
Sichtflug zeigt dir, wann Thermik voraussichtlich auslöst, wie stark das nutzbare Steigen wird und bis in welche Höhe die Thermik reicht. Die Prognose kombiniert hochauflösende Wettermodelldaten mit einer eigenen Thermikberechnung pro Startplatz. Dabei werden unter anderem Höhe, Hangneigung, Exposition, Relief und Landnutzung berücksichtigt.
Pro Tag fließen über 100 Millionen atmosphärische und geländebezogene Datenpunkte in die Berechnung ein. Die Prognose ist als Entscheidungshilfe für dein Wetterbriefing gedacht, nicht als Flugfreigabe und nicht als Ersatz für Windprofil, Wolkenbild und lokale Beobachtung.
Was zeigt die Thermikprognose?
Öffne ein Fluggebiet und tippe auf Thermikprognose. Du bekommst drei Ebenen:
- Zusammenfassung: Rating, maximales nutzbares Steigen, erwartete Thermikhöhe und Thermikfenster.
- Diagramm: Tagesverlauf von Thermikhöhe, Steigstärke und Wolkenbasis.
- Stundentabelle: Details pro Stunde: Temperatur, Auslöse, Steigen, Basis/Obergrenze und Wolkenbasis.
Alle Werte werden für den gewählten Startplatz berechnet. Die zugrunde liegenden Wettermodelldaten haben trotzdem eine räumliche Auflösung. Deshalb bleibt die Prognose eine modellierte Einschätzung und keine Punktmessung am Windsack.
Was bedeutet das Rating?
Das Rating verdichtet den Thermiktag auf einen Blick. Es ersetzt nicht den Blick in die Details, hilft aber beim schnellen Vergleich mehrerer Fluggebiete.
Drei Größen fließen ein:
- Steigstärke: Wie kräftig das nutzbare Steigen im besten Zeitfenster wird.
- Obergrenze: Wie viel Arbeitshöhe über dem Startplatz zu erwarten ist.
- Thermikfenster: Wie lange die Thermik voraussichtlich aktiv bleibt.
Ein 5/5-Tag braucht nicht nur starkes Steigen, sondern auch eine gute Arbeitshöhe und ein brauchbares Zeitfenster. Ein kurzer, ruppiger Peak bekommt deshalb nicht automatisch die Bestnote.
Was zeigt das Thermikdiagramm?
Das Diagramm zeigt den Tagesgang der Thermik:
- Farbe: Erwartetes nutzbares Steigen in m/s. Grün ist schwach, Gelb gut nutzbar, Orange stark.
- Thermikhöhe: Die Höhe, bis zu der trockene Thermik voraussichtlich reicht. Wie du die orange Linie liest: vier Zustände, Verhältnis zur Cumulus-Basis, Lesehinweise: Thermikhöhe verstehen →
- Blaue Linie: Die berechnete Wolkenbasis. Liegt sie in der Thermikschicht, ist Cumulus-Bildung möglich. Liegt sie deutlich darüber, bleibt die Thermik eher trocken.
- Thermikfenster: Der Zeitraum, in dem Auslöse und nutzbares Steigen erwartet werden.
- Startplatzlinie: Zeigt dir, ob die Thermik über Starthöhe reicht und wie viel Arbeitshöhe darüber bleibt.
Tippe auf eine Stunde, um die exakten Werte zu sehen. Auf dem Handy kannst du über das Diagramm wischen.
Wie berechnet Sichtflug die Thermik?
Die Grundlage sind hochauflösende Wettermodelldaten, vor allem DWD ICON-D2. Sichtflug verarbeitet acht Modellläufe pro Tag und leitet daraus Temperatur, Feuchte, Wind, Bewölkung, Niederschlag und Energieflüsse in der unteren Atmosphäre ab.
Für jeden Startplatz wird daraus eine eigene Thermikberechnung durchgeführt. Zusätzlich fließen lokale Geländedaten ein: Höhe, Hangneigung, Exposition, Relief, Landnutzung und die Lage im Gelände.
Wichtig: Die Prognose ist keine Messung. Sie ist eine modellierte Einschätzung, die mit Unsicherheit behaftet ist, besonders in engen Tälern, bei Inversionen, Hochnebel, Gewitterneigung und starkem Höhenwind.
Drei Blickwinkel auf Thermik
Sichtflug berechnet Thermik nicht aus einer einzigen Zahl. Mehrere Verfahren betrachten dieselbe Luftmasse aus unterschiedlichen Blickwinkeln:
- Luftpaket-Aufstieg: Ein Luftpaket wird rechnerisch vom Startplatzniveau nach oben verfolgt. So lässt sich abschätzen, ab welcher Temperatur Thermik auslöst und bis in welche Höhe sie steigen kann.
- Konvektive Energie im Wettermodell: Das Wettermodell beschreibt, wie viel Energie für vertikale Bewegung in der Luftmasse vorhanden ist. Das ist besonders hilfreich bei feuchten oder energiereichen Wetterlagen.
- Bodenwärmestrom und Grenzschicht: Aus der Erwärmung des Bodens und der Tiefe der durchmischten Luftschicht lässt sich abschätzen, wie kräftig trockene Thermik organisiert sein kann.
Diese Verfahren werden nicht blind gemittelt. Sichtflug gewichtet sie je nach Gelände: im Flachland anders als am Berghang oder auf einem Hochplateau.
Wenn die Verfahren stark auseinanderlaufen, ist das ein Hinweis auf höhere Unsicherheit, zum Beispiel bei Inversionen, Hochnebel, Dunst oder beginnender Schauer-/Gewitterentwicklung.
Die Wolkenbasis wird aus Temperatur und Taupunkt abgeschätzt. Als Faustregel gilt: Je größer der Abstand zwischen Temperatur und Taupunkt, desto höher liegt die Basis.
Geländeklassen
Eine Wettermodellzelle kann in den Alpen sehr unterschiedliche Landschaft enthalten: Talboden, Wald, Fels, Hang, Grat oder Almfläche. Sichtflug berechnet die Thermik deshalb pro Startplatz und ergänzt die Modelldaten mit hochaufgelösten Höhendaten und Landnutzung.
Die wichtigsten Geländeklassen sind:
- Flachland und breite Becken: Thermik entsteht hier großflächiger, später und meist weicher. Die Prognose stützt sich stärker auf Bodenwärmestrom und Grenzschichtentwicklung.
- Mischgelände: Übergangszonen und Zellen, die nicht eindeutig flach, steil oder hochplateauartig sind. Hier werden mehrere Verfahren ähnlich stark berücksichtigt.
- Gebirge und Hänge: Sonnenstand, Hangneigung, Exposition und Landnutzung spielen eine größere Rolle. Die lokale Erwärmung kann deutlich von der geglätteten Wettermodellzelle abweichen.
- Rücken und Hochplateaus: Hoch gelegene, reliefgeprägte Flächen werden gesondert behandelt, weil sie anders auslösen als Talböden oder einzelne steile Hänge.
Seit Mai 2026 nutzt Sichtflug für Rücken und Hochplateaus eine reliefbasierte Klassifikation. Dadurch werden hoch gelegene, thermisch aktive Plateau- und Gratbereiche besser von flachen Becken oder gewöhnlichen Hangzellen getrennt.
Seen, Gletscher und geschlossene Schneeflächen werden nicht als normale Thermikquellen behandelt. Dort kann zwar Aufwind durch andere Effekte entstehen, aber keine klassische bodengeheizte Thermik wie über Fels, Wiese oder trockenem Boden.
Warum Flachland anders behandelt wird
Flachlandthermik fühlt sich anders an als Alpenthermik:
- Sie startet oft später.
- Sie ist breiter und weicher.
- Gute Tage haben oft lange, aber nicht extrem starke Bärte.
- Feuchte Luftmassen können im Modell viel Energie zeigen, ohne dass daraus sauber nutzbare trockene Thermik entsteht.
Deshalb begrenzt Sichtflug unrealistisch hohe Flachland-Steigwerte. Das ist keine versteckte Sicherheitsmarge, sondern eine empirische Kalibrierung gegen das, was im freien Flug typischerweise nutzbar ist.
Wind und nutzbare Thermik
Starkes Steigen allein macht noch keinen guten Flugtag. Wenn der Wind in der Thermikschicht zu stark ist, werden Bärte versetzt, zerrissen oder mit mechanischer Turbulenz vermischt.
Sichtflug unterscheidet deshalb zwischen potenzieller Thermik und nutzbarer Thermik. Die angezeigten Steigwerte werden reduziert, wenn Wind und Böigkeit erwarten lassen, dass Thermik schwer zu zentrieren oder sicherheitsrelevant turbulent wird.
Dabei fließen ein:
- Windstärke: Je stärker der Wind in der relevanten Schicht, desto weniger sauber organisieren sich Thermikkerne.
- Wind im Verhältnis zur Thermikstärke: Ein kräftiger Tag verträgt mehr Wind als ein schwacher Tag.
- Böigkeit: Große Unterschiede zwischen Mittelwind und Böen sind ein Hinweis auf ruppige, schwer nutzbare Luft.
Wichtig: Diese Reduktion ersetzt nicht dein Höhenwind-Briefing. Prüfe immer, wie der Wind mit der Höhe zunimmt und ob an Basis, Grat oder im Lee kritische Werte auftreten.
Gelände-Effekte
Thermik entsteht dort, wo die Sonne den Boden erwärmt und die Luft darüber labil genug wird. In den Alpen entscheidet das Gelände oft über den Unterschied zwischen „geht schon um 10 Uhr“ und „bleibt tot“.
Sichtflug berücksichtigt deshalb mehrere lokale Faktoren:
- Hangausrichtung und Sonnenstand: Süd- und Südosthänge erwärmen sich zu anderen Zeiten als West- oder Nordhänge. Die Prognose nutzt pro Zelle den lokalen Sonnenaufgang und die Exposition des Geländes.
- Hangneigung und Relief: Steile Hänge, Rücken, Plateaus und Talböden werden unterschiedlich behandelt. Dadurch werden hoch gelegene Rücken und reliefreiche Plateaus besser von flachen oder gemischten Bereichen getrennt.
- Landnutzung: Fels, Geröll, Wiese, Wald und Siedlungsflächen heizen unterschiedlich schnell auf. Sichtflug nutzt Landbedeckungsdaten, um diese Unterschiede abzuschätzen.
- Lee-Effekte: Im Windschatten von Kämmen kann Thermik unruhiger, schwächer oder schwerer nutzbar werden. Sichtflug erkennt Lee-Situationen über Windrichtung und Geländeprofil und reduziert dort die nutzbare Thermik.
Diese Korrekturen sind keine Garantie für lokale Auslösepunkte. Sie helfen aber, die Wettermodelldaten näher an das Gelände zu bringen, das du am Startplatz tatsächlich siehst.
Thermik auf der Karte
Der Thermik-Layer zeigt die erwarteten Steigwerte räumlich über den Alpen. So kannst du Regionen vergleichen, statt nur einen einzelnen Startplatz anzuschauen.
- Heute und morgen: Wechsle zwischen den verfügbaren Prognosetagen. Je nach Modelllauf werden spätere Vorhersagestunden nach und nach ergänzt.
- Timeline: Wähle eine Stunde, um zu sehen, wo zu diesem Zeitpunkt Thermik erwartet wird.
- Bester Zeitpunkt: Der stärkste Zeitraum wird markiert, damit du den Tagesgang schneller erkennst.
- Kartenausschnitt: Die Statistik bezieht sich auf den sichtbaren Bereich der Karte. Wenn du von Stubai nach Annecy schwenkst, ändern sich Mittelwert, Maximum und aktive Fläche entsprechend.
- Historische Thermikdaten: Wo verfügbar, helfen lizenzierte historische Thermik- und Flugdaten von kk7 beim Einordnen typischer Muster.
Die Karte eignet sich besonders gut, um Alternativen zu vergleichen: Welche Region startet früher? Wo ist die Basis höher? Wo bleibt das Fenster länger offen?
Was kann die Prognose nicht zuverlässig abbilden?
Auch eine gute Thermikprognose bleibt ein Modell. Besonders schwierig sind:
- Sehr lokale Auslöser: Einzelne Felsrippen, Waldkanten, Schneereste, feuchte Wiesen oder kleine Geländekanten können entscheidend sein.
- Talwindsysteme und Konvergenzen: Lokale Talwinde, Seebrisen und Konvergenzlinien können Aufwind erzeugen oder zerstören, ohne dass sie im Modell exakt getroffen werden.
- Inversionen und Hochnebel: Kleine Temperatur- oder Feuchtefehler entscheiden hier, ob Thermik auslöst oder gedeckelt bleibt.
- Schauer und Gewitter: Feuchte Konvektion kann im Modell viel Energie zeigen, ist aber für Gleitschirme oft ein Risiko statt ein nutzbarer Thermiktag.
- Windscherung und Lee: Sichtflug berücksichtigt Wind und Lee, aber lokale Turbulenz hinter Graten, in Talversätzen oder an Kanten kann deutlich stärker sein als die Modellprognose zeigt.
- Abschattung und Schneereste: Wolkenfelder, Restschnee oder nasse Böden können einzelne Hänge deutlich schwächer machen als die Umgebung.
Nutze die Thermikprognose deshalb immer zusammen mit Höhenwind, Wolken, Niederschlag, Stationsdaten und deiner Beobachtung am Startplatz.
Wie nutze ich die Prognose in der Praxis?
- Erst Überblick, dann Details: Nutze das Rating zum Vergleichen, aber entscheide nicht nur nach der Zahl.
- Thermikfenster lesen: Wann beginnt die Thermik? Wann ist der Peak? Wann bricht sie wieder ab?
- Arbeitshöhe prüfen: Entscheidend ist nicht nur die absolute Obergrenze, sondern wie viel Höhe über Startplatz, Grat und geplanter Route bleibt.
- Windprofil danebenlegen: Starke Thermik mit starkem Höhenwind kann ruppig oder gefährlich werden. Prüfe Wind und Böen in der Höhe der erwarteten Basis.
- Wolkenbild einordnen: Basis, Bedeckung, Überentwicklung und Abschattung können den Tagesgang stark verändern.
- Gebiete vergleichen: Die Karte hilft, Alternativen zu finden: früher startende Hänge, höhere Basis, längeres Fenster oder weniger Wind.
- Am Startplatz verifizieren: Stimmen Windrichtung, Wolken, Temperatur und erste Auslöser mit der Prognose überein? Wenn nicht, zählt die Realität.
Die Prognose hilft dir beim Briefing. Die Flugentscheidung bleibt deine Verantwortung.
Datenquellen und fachliche Grundlagen
- DWD ICON-D2: hochauflösendes numerisches Wettervorhersagemodell.
- DWD Open Data: meteorologische Eingangsdaten für die Berechnung.
- Bolton, D. (1980): Grundlage für die Berechnung thermodynamischer Größen.
- AMS Glossary: CAPE: Definition konvektiv verfügbarer potentieller Energie.
- AMS Glossary: Convective Velocity Scale: Grundlage für die Abschätzung trockener Grenzschicht-Thermik.
- SRTM, NASA/USGS: Geländemodell für Höhe, Hangneigung, Exposition und Relief.
- ESA WorldCover: Landbedeckung zur Abschätzung unterschiedlicher Oberflächen.
- Whiteman & Doran (1993): Hintergrundliteratur zu Gebirgs- und Talwindsystemen.
- kk7: lizenzierte historische Thermik- und Flugdaten zur Einordnung typischer Muster.
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Stand: Mai 2026